Ist die romantische Liebe noch zu retten? (9)

Michael Mary, 48, lebt als Paartherapeut und Autor in Mecklenburg.

SPIEGEL: Herr Mary, Ihr neuestes Buch ist ein Schlag für alle Paarungswilligen. Sie schließen kategorisch aus, dass eine harmonische Langzeitpartnerschaft mit einer erfüllten Sexualität vereinbar ist. Wie kommen Sie zu dieser niederschmetternden Bestandsaufnahme?

Mary: Durch meine Arbeit und Lebenserfahrung. Die gängige Vorstellung, eine dauerhafte Beziehung führen zu können, die auch noch leidenschaftliche Sexualität enthält, ist einfach romantisch und irreal. Seit dem bürgerlichen Zeitalter geistert diese Vorstellung in unseren Köpfen herum. Bis heute ist sie nicht verwirklicht worden, obwohl sie immer aufdringlicher propagiert wird. Noch nie war die Paarbeziehung so sexualisiert wie heute. Und noch nie gab es so hohe Glückserwartungen.

SPIEGEL: Zur Sicherheit: Liebe und hemmungsloser Sex schließen sich aus?

Mary: Auf lange Distanz betrachtet: weitgehend. Langzeitbeziehungen sind auf Harmonie und Vertrauen ausgerichtet. Sexuelle Leidenschaft – das sagt ja schon das Wort – bedeutet aber, für seine Sehnsucht zu leiden. Und das hält die harmonische Partnerschaft nicht lange aus. Auf der sexuellen Bühne agieren wir am besten, wenn wir mit Fremdheit, Abenteuer jonglieren, wenn wir das Spiel mit dem Unbekannten wagen. […]

SPIEGEL: Wir haben verstanden: Gegen den Sexualnotstand ist nichts zu machen, aber irgendeinen Hoffnungsschimmer müssen doch auch Sie den Paaren mitgeben?

Mary: Die Leute sollten ihre Beziehungen nicht mit Erwartungen überfrachten, denn gerade das führt zu ihrem vorzeitigen Ende. Wenn man eine Beziehung sexualisiert, das heißt, wenn die körperliche Anziehungskraft das Wichtigste ist, dann kommt man im zweiten Schritt dahin, dass man die Beziehung pathologisiert. Denn dann heißt es irgendwann: Wenn wir uns nicht mehr begehren, ist unsere Beziehung krank und behandlungsbedürftig. Und das ist Blödsinn und schadet doch im Grunde der sehr wertvollen Langzeitbeziehung.
[…]

Aus: Der Spiegel, 2001,9, S. 86 – 89.

„Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als geliebt zu werden; aber sind wir fähig, den anderen um seiner selbst willen zu lieben? […] Die niemals gesicherte Lösung wird erreicht durch subtile Kompromisse, bei denen es stets um die Befriedigung des Ichs geht. Sobald das Ich sich beeinträchtigt, unverstanden oder entfremdet fühlt, verliert die Paarbeziehung ihre Daseinsberechtigung. […]
Lieber versucht man es immer wieder von neuem, in der Hoffnung, irgendwann die vollgommene Einheit zu erreichen, statt Kompromisse einzugehen, wie sie für jede langlebige Beziehung charakteristisch sind.“

Aus: Badinter, Elisabeth: Ich bin Du. München [u.a.]: Pieper, 1986.

Ist die romantische Liebe noch zu retten? (9)

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