Ist die romantische Liebe noch zu retten? (10)

Eros und Thanatos, also Liebe und Tod, das sind die zwei Pole, zwischen denen sich nach Siegmund Freud das individuelle Empfindungsleben bewegt. Über Jahrhunderte half gegen die erahnte Schwärze des Todes das Licht der göttlichen Liebe, die das Jenseits in schöneren Farben malte als das reale Leben. Wer inbrünstig, liebend an Gott glaubt und seinen Gesetzen gehorcht, wird der ewigen übersinnlichen Liebe teilhaftig werden. Seit Beginn des Zeitalters der Aufklärung im 18. Jahrhundert schwindet die Bedeutung der religiösen Heilslehre und mit ihr der Trost der göttlichen Zuneigung. Die Emanzipation von der behütenden Knechtschaft der Religion ist nicht nur befreiend, sondern gleichzeitig, wegen der einhergehenden Halt-Losigkeit, auch angsteinflößend: Die lebenssinngebende Fülle des Glaubens an die ewige göttliche Liebe weicht einer versprechungslosen Perspektive des Nichts, zumindest nach dem Tod.
„Glaube, Liebe, Hoffnung“, die drei Haupttugengenden der christlichen Religion, gelten nicht mehr für einen metaphysischen Gott, der ein angenehme Ewigkeit garantiert, sonder müssen sich im Diesseits erfüllen. Nicht durch Zufall begann zeitgleich mit der Aufklärung der Siegeszug des Modells der romantischen Liebe, das zum großen Teil die verlorengegangenen christlichen Tröstungen und Garantien auffangen soll. Die göttlichen Eigenschaften Unfehlbarkeit und Vollkommenheit scheint der Partner in der Hochphase der Liebesbeziehung mühelos zu bewältigen: Wer fähig ist, solche Gefühle von bisher ungeahnter Intensität in einem auszulösen, dem ist schier Unmögliches zuzutrauen – er gibt Hoffnung und Halt in einer angsterfüllten Welt. Der Partner kann aber den Erwartungen langfristig nicht entsprechen – oder hatte Gott auch ein übertriebenes Faible für schicke Klamotten und Schuhe und hielt sich ständig für zu dick? Trank er gern zu viel Bier, saß mit seinen Kumpels nächtelang in verrauchten Kneipen und diskutierte die neuesten Fußballergebnisse? Etc. etc. Die desillusionierende Erkenntnis, daß der oder die andere auch nur ein Mensch ist, dessen ganz ungöttliches Enttäuschungspotential zu seinen Wesensmerkmalen gehört, ist erschreckend, ja angsteinflößend. Vielleicht ist es doch der falsche Partner, also muß der richtige noch irgendwo warten?
Im Hintergrund, fast unsichtbar, steht beängstigend Thanatos und winkt.

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