Ist das ein guter Roman? Robert Littell (4): Mütterchen Rußland, 1978

Robert Littell: Mütterchen Rußland (Mother Russia). München: Golmann, 1988.

Robespierre Isajewitsch Prawdin ist nach dem 2. Weltkrieg grundlos zu 12 Jahren Haft in einem der sibirischen Lager verurteilt worden. Jetzt, 10 Jahre später, macht er in Moskau das, was er im Lager bis zur Perfektion gelernt hat: Er organisiert Dinge, die offiziell nicht so leicht zu haben sind und versucht, sie gewinnbringend an den Käufer zu bringen: Schallplatten von den Beatles, Eintrittskarten fürs Bolschoi-Ballett, vergriffene Gedichtbände, Diktaphone etc. Als er seine Wohnung verliert, läßt er seine Beziehungen spielen: Ein einflußreicher Bekannter, genannt „der Druse“, vermittelt ihm ein Mansardenzimmer im letzten Holzhaus Moskaus. Dort wohnt eine vom Staat offiziell für verrückt erklärte ältere Frau mit dem Spitznamen „Mutter Rußland“, die ihre Zeit damit verbringt, Briefe an die internationale Presse, Breschnjev und besonders gern an Mr. Singer aus Amerika, dem Erfinder der Singer-Nähmaschine, zu schreiben. In ihrem Auftrag soll Prawdin mit Hilfe des Originalmanuskripts einen nobelpreistragenden Plagiator überführen – und stößt auf unerwartet starken Widerstand: Seine besten Kunden wenden sich von ihm ab, Geschäftspartner lassen sich verleugnen, schließlich wird er vom KGB verhaftet und zum Verhör geführt. Der Verhörbeamte ist – der Druse …

„Mütterchen Rußland“ ist wieder ein satirischer Roman, allerdings ist er sehr viel besser als „Eine höllische Karriere“ von 1974. Prawdin ist eine Art sympathischer Taugenichts, der sich mit Chuzpe und raffinierter Naivität durch die absurden Bestimmungen und Gesetze der russischen Bürokratie laviert. Der Roman hat viele skurrile Figuren, die für einen satirischen Roman aber nicht überzogen gezeichnet sind, die Handlung ist dicht und spannend erzählt, läßt aber gegen Ende etwas nach. Die Ohnmacht angsichts namen- und gesichtsloser Willkürakte in einem totalitären System und ihrer grotesk wirkenden Auswüchse – das ist amüsant zu lesen, in der Länge vielleicht nur ein wenig ermüdend.

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