Ist das ein gutes Buch? Robert Littell (11): Der Gastprofessor, 1993

Robert Littell: Der Gastprofessor (The visiting professor).- München: Goldmann, 1995. – Neuaufl. U.d.T.: Der Zufallscode. – München: Droemer Knaur, 2007.

Lemuel Falk, ein schrulliger russischer und weithin anerkannter Chaosforscher in seinen Fünfzigern, erhält wider Erwarten, vermutlich dank des schwindenden eisernen Vorhangs, die Erlaubnis, eine Gastprofessur an einem renommierten Institut im Staate New York, USA, anzutreten. Kaum angekommen in dem kleinen Ort, lernt er die Studentin Rain kennen, die zum Lebensunterhalt nebenbei einen kleinen Frisiersalon betreibt und mit Drogen handelt. Am Institut wird er mit offenen Armen empfangen, lernt Leute von ähnlich schrulliger Art kennen, fängt eine (durchaus glaubhafte) Liebesbeziehung mit Rain an, wird eine kleine Berühmtheit wegen seines absurd mutigen Einsatzes bei einer kleinen Demonstration gegen eine geplante atomare Mülldeponie, kann sich erfolgreich gegen das Ansinnen verschiedener Geheimdienste und der Mafia erwehren, die ihn zur Entschlüsselung von Geheimcodes beschäftigen wollen, und hilft zuguterletzt der örtlichen Polizei, einen Serienkiller dingfest zu machen.

Dies ist wieder mal ein satirischer Roman, ganz in der Tradition von „Pnin“ von Nabokov. Er geht gut los, viel Witz ergibt sich aus der Diskrepanz der Kulturen, besonders der sprachlichen Eigenheiten, und aus dem Thema, das den Roman wie ein roter Faden durchzieht: Gibt es den reinen, unverfälschten Zufall? Oder ist „jede Zufällgikeit eine Pseudo-Zufälligkeit und diese Pseudo-Zufälligkeit ein Fußabdruck des Chaos“? Ich muß gestehen: Mein Interesse dafür hält sich in Grenzen, und vielleicht liegt es daran, daß der Roman zur Mitte hin abflaut und gegen Ende danach schielen läßt, wie viele Seiten man denn noch zu bewältigen hat. Interessant ist, daß Littell hier zum ersten mal eine richtig gute starke Frauenfigur geschaffen hat: Rain, deren Hippie-Eltern sie mit vollem Namen Occasional Rain (=Strichweise Regen) genannt haben, ist eine ebenso komplexe Persönlichkeit wie Lemuel, Littell läßt beide kapitelweise aus der Ich-Perspektive erzählen, was ihm sprachlich sehr gut gelingt. Netter Roman – aber würde ich ihn auch einem guten Freund zum Geburtstag schenken? Nee, eher nicht.

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