Was braucht es, um glücklich zu sein? (1)

… fragte vor ein paar Wochen die „Zeit“ (05.07.07).

„Dumm sein und Arbeit haben: Das ist das Glück.“ Gottfried Benn

„Beati pauperes spiritu.“ (Glückselig sind die Armen im Geiste). Bibel, Matthäus 5,3

„Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ (Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit). Das sind die unveräußerlichen Rechte des Menschen, geschrieben in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776.

Und manchmal sieht es ja wirklich so aus, daß der amerikanische Lebensstil das Streben nach Arbeit und Wohlstand in geistiger Verarmung für Glückseligkeit hält, jedenfalls für die Durchschnittsbürger …

Das Verlangen nach Glück gibt es natürlich schon, seitdem es Menschen gibt. Der griechische Philosoph Epikur (ca. 341 – 270 v.Chr.) fand, daß man sich bereits glücklich schätzen kann, wenn man weder hungern noch dürsten noch frieren muß. Epikurs Menschenbild ist recht einfach: Das Gute ergibt sich automatisch aus der Abwesenheit des Üblen, als da sind Schmerzen und Qualen, die von „Begierden“ ausgelöst werden, mit anderen Worten:
Es gibt natürliche Begierden (z.B. Hunger und Durst), die befriedigt werden müssen, dann gibt es natürliche Begierden, die keine Schmerzen verursachen, wenn sie nicht befriedigt werden (z.B. der Sex), und schließlich gibt es die Begierden, die weder naturgegeben noch notgedrungen, sondern „leerem Wahn entsprungen“ sind (z.B. Ehrgeiz, Ruhmsucht, Reichtum, oder auch der Wunsch nach z.B. einer elektrischen Pfeffermühle und anderen Überflußartikeln). Nun fehlt nur noch eins: Freunde, oder die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen („Die Natur hat uns zur Gemeinschaft geschaffen“, Epikur), schon haben wir keinen Grund mehr, uns zu beklagen. In einer gerechten Gesellschaft, die auf Absprachen beruht (z.B. sich nicht gegenseitig zu verletzten, betrügen etc.), steht dem individuellen Glück, so Epikur, nun nichts mehr im Wege.

So weit, so gut, aber ist das wirklich Glück oder nicht vielmehr Zufriedenheit? Eine gelassene, vernünftige Zufriedenheit ist vermutlich viel höher zu achten als jeder Glücksmoment – und da ist es auch schon gesagt: Glück findet immer nur in Momenten statt, der Zustand des permanenten Glücks ist nicht vorstellbar – Glück definiert sich gerade durch seine überwiegende Abwesenheit. Das Glücksgefühl wird deshalb als so großartig empfunden, weil es mehr oder weniger selten ist. Deshalb ist es verführerisch, uns ein bißchen davon zu kaufen, allerdings fallen die so erhaltenen Bedürfnisbefriedigungen zur Glücksmomentvermehrung alle in die Kategorie des epikureischen „leeren Wahns“: Das Glücksgefühl angesichts des neuen glänzenden Wunschautos oder eines Karrieresprungs ist immer nur so kurz, daß es Lust auf mehr macht, und so wird das ganze leicht zu einem Faß ohne Boden, das vergeblich nach Füllung schreit – eine endlose Anhäufung von rein äußerlichen Dingen und Gegebenheiten, der man sich nur schwer entziehen kann und die anfängt, uns zu beherrschen. Und so heißt es auch bei Epikur: „Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.“

Zur Sinnlosigkeit des Versuchs der Glückshäufung durch sozialen Aufstieg heißt es bei Montaigne (1533 – 1592): „Es ist höchste, fast göttergleiche Vollendung, wenn man das eigene Sein auf rechte Weise zu genießen weiß. Wir suchen andere Lebensformen, weil wir die unsre nicht zu nutzen verstehen; wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen – auch auf ihnen müssen wir noch mit unseren Beinen gehn; und selbst auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserm Arsch.“

Lange Zeit galt der Begriff „Epikureer“ als Schimpfwort, da sich eine konkurrierende Glaubensrichtung in Gefahr sah: Die christliche Lehre betrachtet das Leben an sich als sündhaft, es reicht schon, einfach auf der Welt zu sein, um sich nicht wohl fühlen zu dürfen, und das Ganze ist nur eine Prüfung für das wahre Leben – nach dem Tod. Im Gegensatz dazu heißt es bei Epikur: „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.“
Das ist mit anderen Worten die „Tante-Fienchen-Hypothese“: Tante Fienchen, eine Verwandte einer guten Freundin, sagte auf neugierige Kinderfragen zum Tod: „Davor müßt ihr keine Angst haben, das ist wie Schlafen, davon merkt ihr nix.“

Daß reelle oder ideelle Güterhäufung ab einer gewissen Grenze nicht zur Zunahme von Glücksgefühl führt, ist, 2000 Jahre später, aber immerhin, nun auch eine Erkenntnis des „Zeit“-Artikels, der im Wirtschaftsteil der Wochenzeitung erschien.

Fortsetzung

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