Was braucht es, um glücklich zu sein? (2)

Der Artikel (05.07.07, S. 21 ff) ist nicht besonders gut, vieles wird lediglich angerissen, ein buntes Sammelsurium an Allgemeinplätzen, oberflächlich-geschichtlichem Hintergrund und unhinterfragten Umfrageergebnissen zusammen mit falsch interpretierten Schlußfolgerungen geben insgesamt doch eine interessante Darstellung, an der sich der Geist schärfen läßt:

1. Glück und Zufriedenheit werden nicht differenziert, sondern synonym gebraucht. Glück, das ist das Gefühl, daß wir in einer gelingenden Liebesbeziehung empfinden, oder wenn das Resultat einer Aufgabe, die Kreativität erfordert, besonders gut ausgefallen ist. Zufriedenheit ist eher ein „lauwarmer“ Allgemeinzustand, den man in Umfragen besser abfragen kann. Eben solche Umfragen bilden die Basis des Artikels, werden aber leider nicht kritisch hinterfragt: Stellen Sie sich vor, Sie werden morgens um sechs, gerade mühsam aus dem Bett gefallen und noch vor dem Frühstück gefragt, wie Sie sich so allgemein fühlen – ist Ihre Antwort die selbe, wie sie Samstagabend ausfallen würde, bevor Sie mit einem geliebten Menschen lecker Essen gehen? Umfragen beweisen gar nichts, nach den Umfrageergebnissen vor den letzten Bundestagswahlen müßte Angela Merkel keine große Koalition leiten, sondern könnte allein regieren.
Was ist davon zu halten, daß die Lebenszufriedenheit der Mexikaner angeblich höher ist als die der Bewohner der USA, BRD, Niederlande und Großbritannien, aber nicht so groß wie die der Österreicher, Dänen und Ausralier? Ich fürchte: Gar nichts. (Vielleicht hat man nur die illegalen mexikanischen Einwanderer gefragt, die in den Vereinigten Staaten ausgebeutet werden?)
Kulturelle Unterschiede werden nicht nur behauptet, sondern sogar benannt, Zitat: „Japaner sind notorisch unzufrieden, Mittelamerikaner eher fröhlich.“ Alles klar? Alle Deutschen essen ständig Sauerkraut, und die Franzosen ernähren sich von Baguette und Froschschenkel …  

2. Es wird behauptet, das Einkommen eines durchschnittlichen bundesdeutschen Haushaltes sei zwischen 1984 und 2004 um (ungerechnet) ca. 4600 Euro gestiegen, während der deutsche Zufriedenheitspegel in der selben Zeit sogar gefallen sei. Diese Behauptung erzeugt falsche Schlußfolgerungen: Wenn ich mich recht an einen Artikel in einer „Zeit“-Ausgabe des letzten Jahres erinnere, sind die Reallöhne, die sich aus dem Vergleich von Lohnzuwachs und Inflationsrate ergeben, im angegebenen Zeitraum sogar gefallen. Die Bevölkerung hätte also allen Grund, unzufriedener zu sein, wäre da nicht, neben der grundsätzlichen Fragwürdigkeit von Umfragen und zurechtgebogenen Statistiken, der folgende PunKt:

3. Wirklich wichtig für die Menschen ist nicht Geld (einen Grundwohlstand vorausgesetzt), sondern, so der Artikel, Arbeit und die damit verbundenen Aufgaben und Kontakte. So sei es ihnen in der Regel lieber, für wenig Geld zu arbeiten, als Stütze in gleicher Höhe zu kassieren (- so viel zur immer wieder aufflammenden Drückebergerdiskussion). Zur Infragestellung einer kapitalistisch geprägten Arbeitsideologie fehlte den Autoren allerdings  – ja, was? Der Mut? Die Überzeugung? Wohl doch eher der Gedanke. Man muß sich doch fragen (besonders angesichts einer zukünftig unausweichlich wieder ansteigenden Arbeitslosigkeit), ob es wirklich die Arbeit ist, was die Leute wollen! Den ganzen Tag am Band stehen? Im Büro sitzen und Akten bearbeiten? Wollen sie nicht vielmehr eine sinnvolle Aufgabe, verbunden mit sozialen Kontakten, und soziale Anerkennung? Im Morgenmagazin (ARD) wurde kürzlich erwähnt, daß es in Deutschland ca. 25 Millionen ehrenamtlich Tätige gibt, das ist, Kinder und Greise abgezogen, jeder dritte Bundesbürger. Reine Lohnarbeit, die unbeabsichtigt und nebenbei die Bedürnisse nach Sinn und Gemeinschaft erfüllt, ist ein Auslaufmodell und eigentlich auch nicht notwendig – wenn eine Umverteilung der auch ohne Arbeitskraft erzielten Gewinne erfolgen würde. Sinnvolle Aufgaben, nennt man sie nun „Arbeit“ oder nicht, gibt es genug, sie werden bloß nicht bezahlt – und das bräuchte man auch nicht, wenn die Grundsicherung eines Jeden gewährleistet wäre. Die „Hartz IV“-Gesetze zielen genau in die andere Richtung: Demütigung, Abwertung und Demotivierung der Betroffenen sind ihre Folgen.

4. Dieser Aspekt wird in dem „Zeit“-Artikel leider überhaupt nicht behandelt: Glück ist, ganz ähnlich wie Lust oder auch Wut, amoralisch. Das klingt negativ, ist es aber gar nicht, es sagt nur aus, daß diese Gefühle während ihres Entstehens nicht danach fragen, ob sie gerade angebracht sind oder nicht, und das müssen sie auch nicht. Mit der Zufriedenheit sieht es da schon anders aus: Ist es wirklich erstrebenswert, eine Gesellschaft voller überwiegend hochzufriedener Bürger zu erreichen, in der es auch nur eine Ungerechtigkeit gibt? Das wäre eine satte, selbstbezogene Zufriedenheit, die lieber die Augen und Fensterläden schließt, sobald draußen etwas passiert, als sich beeinträchtigen zu lassen, und die dann später behaupten läßt, man hätte von nichts gewußt. Gerechtigkeit, eine gerechte Gesellschaft, ist, wie Epikur sagt, zufriedenheitsfördernd. Solange es überwiegend keine Gerechtigkeit gibt, besteht eigentlich keine Grund, irgendjemandem ein zufriedenes Leben zu wünschen. Und wer nicht zu den Leuten gehört, von denen Gottfried Benn spricht, ist auch nicht restlos zufrieden. Die Gründe dafür individuellem Versagen anzudichten (als Neidvorwurf) ist Teil der Ideologie einer politisch und ökonomisch motivierten, weitreichenden Verdummungsindustrie, gegen die auch eine eigentlich ganz intelligente Wochenzeitung nicht gefeit ist.

Teil 1
Nachtrag (Teil 3)

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Was braucht es, um glücklich zu sein? (2)

Ein Gedanke zu “Was braucht es, um glücklich zu sein? (2)

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