Was macht Armut?

Es steht in der Tageszeitung (taz) von heute:

 Armut macht dumm

Bis zum 6. Dezember 2001 dachte man, das mit der Bildung hier sei schon in Ordnung. Dann riss die Pisa-Studie das Land aus allen Träumen. Sie zeigte: Der Sohn einer Friseurin hat eine siebenmal geringere Chance, das Gymnasium zu besuchen, als der Sohn eines Arztes. Dieser Nachteil gilt bei gleicher Leistungsfähigkeit der Schüler.

Hektisch wurden Nachforschungen angestellt, wie ein Bildungssystem nur so ungerecht sein könne. Die Ergebnisse wurden immer schlimmer: Ein Viertel der 15-Jährigen kann nur radebrechend lesen. Die meisten von ihnen stammen aus Elternhäusern der, wie es hieß, „unteren Dienstklasse“; diese Eltern sind arbeitslos, arm und schlecht gebildet. Ihre Kinder konzentrieren sich in Haupt- und Sonderschulen. Ihre Lebensperspektive wird bestimmt durch den sozialen Status und den Bildungsstand der Eltern.

Dass Kinder ungleiche Startchancen haben, ist üblich. Überall auf der Welt. Das Besondere hierzulande ist: Schulen gleichen das nicht aus, sondern verstärken die Nachteile systematisch. Das deutsche Bildungswesen, so herrscht heute in der Fachwelt Einigkeit, ist das ungerechteste in den OECD-Ländern [Verlinkung Monstro]. Weil der Staat durch sein Schulsystem Ungleichheit erzeugt. CIF

 Armut macht arm

Deutschland hat es zu einem negativen Rekord in der
OECD gebracht: In keinem anderen westlichen Industrieland driften die Einkommen zwischen den Niedriglöhnern und den Spitzenverdienern so schnell auseinander wie hier. Inzwischen gelten schon 17,3 Prozent als arm, weil sie über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens verfügen. Auch die Mittelschicht steigt ab. Die Realeinkommen lagen im Jahr 2005 um zwei Prozent niedriger als 1991. Das Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts kam also allein den Kapitalbesitzern zugute. Diese Schieflage wurde durch die Steuerreformen der letzten Jahre noch verstärkt, wie die OECD moniert. Von dem gesenkten Spitzensteuersatz hätten vor allem Alleinstehende mit hohen Gehältern profitiert. Zugleich wird in Deutschland überdurchschnittlich belastet, wer unterdurchschnittlich verdient. Der Grund dafür: Anders als die Steuern werden die Sozialbeiträge nicht progressiv erhoben, sondern betragen ab einem monatlichen Bruttoverdienst von 800 Euro rund 42 Prozent. Für die Spitzenverdiener hingegen sind die Sozialbeiträge gedeckelt. Die „Beitragsbemessungsgrenze“ für die Krankenkasse liegt bei 3.562,50 Euro monatlich. UH

 

 Armut macht krank

Arme Menschen sterben in Deutschland deutlich früher als wohlhabende. Männer mit niedrigem Einkommen haben eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung als gut verdienende Männer. Bei Frauen liegt dieser Unterschied bei fünf Jahren. Das geht aus Daten des Bundesgesundheitsministeriums hervor.

Auch einige schwere Krankheiten kommen in armen Schichten weit häufiger vor als in den wohlhabenden. So treten Herzinfarkte und Diabetes bei Menschen mit niedrigem Einkommen doppelt so häufig auf wie bei denen, die gut verdienen. Jugendliche, die aus armen Familien stammen, haben ein doppelt so hohes Risiko, an Essstörungen zu erkranken, wie ihre Altersgenossen aus wohlhabenden Verhältnissen.

Dass die Armen häufiger erkranken und früher sterben, ist auch auf ihr Verhalten zurückzuführen. Menschen aus sozial schwächeren Schichten rauchen häufiger und trinken mehr Alkohol, sie nehmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil und ernähren sich ungesünder, ihr Bewusstsein für gesundheitliche Belange ist geringer. Experten weisen darauf hin, dass Arme medizinische Leistungen wegen Praxisgebühren, Zuzahlungen oder aus Unkenntnis weniger in Anspruch nehmen. SAM

 

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Was macht Armut?

2 Gedanken zu “Was macht Armut?

  1. 1.
    Armut hat wenigstens auch – das wissen wir schon aus der Bienenfabel von Mandeville – ein paar Vorteile:

    1.1
    Der wichtigste: Es macht den Reichen in vielerlei Hinsicht Konkurrenzdruck.

    1.2
    „Armut schützt vor Allergien:

    Kinder aus sozial schwachen Familien leiden selten unter allergischen Erkrankungen. Das zeigt eine große Studie zur Jugendgesundheit in Deutschland.“ (focus.de, 16.05.07)

    2.
    Warum gibt es in Deutschland so viel Armut?

    Du glaubst, weil wir zu wenig Umverteilung haben: Das ist falsch, wir haben zu viel.

    Die richtige Antwort lautet: Das Wirtschaftswachstum war viele Jahre zu niedrig und die Arbeitslosigkeit zu hoch.

    Wohlstand für alle kommt nie aus Umverteilung, sondern immer aus hohem Wirtschaftswachstum und niedriger Arbeitslosigkeit.

    Siehe die Zahlen über das jämmerliche Wirtschaftswachstum unter rot-grün in meinem Blog „Wir glauben nicht mehr an Chancengleichheit“ unter:

    http://gutmenschen.blog.de/2007/09/13/wir_glauben_nicht_mehr_an_chancengleichh~2974173

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    1. Zu 1.: Natürlich hat Armut auch Vorteile – fragt sich nur, für wen? Die Bienenfabel von Mandeville ist, nach eigener Aussage, übrigens eine Satire, die versucht, den Frühkapitalismus in seiner ganzen Grausamkeit bloßzustellen. Zitat Wikipedia: „Für ihn beruhte die Prosperität einer Gesellschaft auf der billigen Arbeit der Unterprivilegierten. So gelte, „daß in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer besteht.“ (S. 319).“

      Zu 1.1: Der Konkurrenzdruck unter Ackermann und Konsorten ist den Armen, aus doch durchaus verständlichen Gründen, völlig egal.

      Zu 1.2 Das ist ja mal wirklich ein gutes Argument, da lassen sich noch beliebig viele hinzufügen: Arme werden nicht fett. Arme werden nicht kokainsüchtig. Arme haben nicht so oft Erkältungen wie Reiche, da ihre ungeheizten Wohnungen eine größere Abhärtung in Aussicht stellen. Arme verpesten weniger die Umwelt, da sie allenfalls Fahrrad fahren können. Arme haben geringere Umzugskosten, wenn sie sich wegen der Hartz-IV-Gesetze gezwungen sehen, aus ihrer 48-qm-Wohnung auszuziehen, da die Möbel in der neuen Wohnung sowieso keinen Platz mehr haben. Arme produzieren weniger Dreck, da sie ja nur wenig konsumieren können. Arme belasten den Staat wenig, da sie in der Regel kürzer leben: „Sozialverträgliches Frühableben“ nannte das mal jemand.
      Na, da könnte man doch fast neidisch werden auf die Armen!

      Zu 2.: War denn die Arbeitslosigkeit schuld am niedrigen Wirtschaftswachstum? Was ist mit dem Wohlstand, wenn die Wirtschaft wächst (also die Gewinne), die Arbeitslosigkeit aber auch?

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