Hilde Domin zum Gedenken

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Hilde Domin (27.07.1909 – 22.02.2006)

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Hilde Domin zum Gedenken

10 Gedanken zu “Hilde Domin zum Gedenken

  1. Oha, da hab ich was verpaßt! Ich liebe dieses Gedicht und auch das leider etwas zu überstrapazierte: „Wer die Welt hochwerfen könnte, daß der Wind hinein führe!“
    Danke für’s Erinnern.100 wäre sie heute geworden, aber sie wurde ja immerhin 97. Ganz schön doch.

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  2. ja, ein ganz wunderbares gedicht. und das bild dazu perfekt.

    wenn ich die „nur eine rose als stütze“ lese denke ich auch immer an emiliy dickensons „Leaning against the – Sun -„, die letzte Zeile von „I teste a liquor never brewed“. beide hatten ihren literarischen wohnsitz in der natur 😉

    Mich rührt besonders an: „Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren“

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    1. Ja, eine ganz kleine, zarte Empfindung – und wieviel Sehnsucht liegt darin! Nur eine Zeile sagt, was andere in dicken Romanen nicht schaffen.

      Danke für den Tipp – von der Dickinson kenne ich noch nicht viel, ich finde ihre Gedichte (die paar, die ich bisher gelesen habe) außerordentlich, aber ich bin zu faul, mich in ihr Englisch einzulesen. Vielleicht sollte ich mir mal die zweisprächige Ausgabe von Hanser besorgen.

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      1. kleine zarte empfindung, wunderschön gesagt.

        ja, kann ich nur innigst empfehlen, emily auf deutsch. und vielleicht sollte ich sie mir auch mal holen (hab nur die englische ausgabe ihrer gesammelten gedichte), denn sie hat einen extrem extravaganten wortschatz 🙂 für faule momente, die mir bekannt sind!

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