Wie alt sind Sie?

Fragenhintergrund:

Toskana1996

Achtundzwanzig, oder tausendundeine Möglichkeit
Aus: Ralf Dahrendorf: Über Grenzen. – 4. Ausl. 2003. – Beck. – ISBN 3-406-49338-6. – EUR 19,90

Manchmal kommt es mir vor, als ob jeder von uns ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herumträgt. Die einen bleiben für immer fünfzehn, sechzehn, siebzehn, Teenager also. Andere erreichen ein gesetztes mittleres Alter, bevor sie auch nur die Schule verlassen haben. Man wundert sich daher nicht, wenn man sie als Sechzigjährige wiedertrifft, wäre indes überrascht, sie bei den «grauen Panthern» zu finden. Nichts haben sie je an sich gehabt von Rilkes geschmeidig starker Wildkatze, die in betäubter Revolte die Stäbe ihres Käfigs abschreitet. Beim Schreiben der «Geschichte der London School of Economics» kam es mir in den Sinn, William Beveridge, den Begründer des britischen Wohlfahrtsstaates und einen meiner Vorgänger im Amt des Direktors der Hochschule, als zugleich Siebzehn- und Siebzigjährigen zu schildern, dem alle Zwischenstufen fehlen. Weder siebzehn noch siebzig ist ein besonders liebenswertes Alter, wenngleich das letztere zumindest kalendarisch meines ist, da ich dies zu Papier bringe. Was mich betrifft, so bin ich in Wahrheit immer achtundzwanzig gewesen und werde das wohl auch für den Rest meiner Tage bleiben.

Warum gerade 28? Nun, nicht mehr 17, nicht mehr Teenager, und eigentlich auch nicht Twen, Mittzwanziger, aber jedenfalls noch nicht dreissig. Im dreissigsten Jahr werden Zweifel wach. «Denn bisher hatte er einfach von einem Tag zum andern gelebt, hat jeden Tag etwas anderes versucht und ist ohne Arg gewesen. Er hat so viele Möglichkeiten für sich gesehen und er hat, zum Beispiel, gedacht, dass er alles Mögliche werden könne: Ein grosser Mann, ein Leuchtfeuer, ein philosophischer Geist. Oder ein tätiger, tüchtiger Mann. ..Oder ein Revolutionär, der den Brand an den vermorschten Holzboden der Gesellschaft legt …Oder ein Müssiggänger aus Weisheit – jeden Genuss suchend und nichts als Genuss.» So Ingeborg Bachmann, meine Lieblingsdichterin, die dann allerdings noch den ironischen Giftpfeil bereithält: «Nie hat er [vor dem dreissigsten Jahr] gedacht, dass von tausendundeiner Möglichkeit vielleicht schon tausend Möglichkeiten vertan und versäumt wurden.»

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Wie alt sind Sie?