"Heute ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland." Wirklich?

Diesen Satz sagte Peter Hartz im Jahre 2002 bei Übergabe der Vorschläge der sogenannten Hartz-Kommission zur Reformierung des Arbeitsmarktes. Nun, fünf Jahre später, stellt das ‚Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung‘ (DIW) fest, das der Bezug von Arbeitslosengeld II (=Hartz IV) in die Armut führt (ach was – wer hätte das gedacht …):

„Die deutlichsten Veränderungen bewirkte die sogenannte Hartz-IV-Reform bei den ehemaligen Empfängern von Arbeitslosenhilfe. Einkommensverluste erlitten vor allem ALG-II-Haushalte in Ostdeutschland: Im Durchschnitt standen dort einer Person nur noch 8 840 Euro zur Verfügung gegenüber 10 390 Euro im Jahr 2004. Dementsprechend hat sich die Armutsquote unter den ALG-II-Haushalten stark erhöht und betrug im Jahr 2005 66 Prozent. Diese Erhöhung ist vor allem auf die Entwicklung in Ostdeutschland zurückzuführen. Die Armutsquote ist der Anteil der Personen mit einem verfügbaren Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung.
Etwa ein Drittel der Leistungsbezieher wurde durch die Reform besser gestellt. Bei den Alleinerziehenden halten sich Gewinner und Verlierer fast die Waage. Ostdeutsche Haushalte zählen häufiger als westdeutsche zu den Verlierern der Reform, da aufgrund der dort höheren Frauenerwerbstätigkeit öfter das Einkommen des Partners angerechnet werden konnte. Westdeutsche Haushalte mussten aber im Schnitt höhere Einkommenseinbußen hinnehmen. Absolut gesehen sind die Einkommensverluste merklich größer als die Zuwächse. “ Quelle: DIW

Bereits im September letzten Jahres hat die Sozialwissenschaftlerin Anne Ames im Auftrag des ‚Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung‘ (ZGV) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau eine Studie mit dem Titel „Ich hab’s mir nicht ausgesucht“ über die ökonomischen und sozialen Folgen von Hartz IV vorgelegt, hier ein lesenswertes Interview dazu.

"Heute ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland." Wirklich?

Armut in Deutschland? Gibt’s nicht – oder doch?

Heute ist der „Internationale Tag für die Beseitigung der Armut“. Das betrifft uns ja nicht, die paar Penner auf der Straße fallen doch kaum auf, keiner hungert und alle haben ein Dach über dem Kopf …

Von den 11,4 Millionen Kindern unter 15 in Deutschland leben 2,7 Millionen unterhalb der Armutsgrenze, das ist knapp ein Viertel.

Das Privatvermögen der Brüder Albrecht beträgt schätzungsweise 34 Milliarden Euro (34000000000).

Quelle: ARD Morgenmagazin, 17.10.07

Armut in Deutschland? Gibt’s nicht – oder doch?

Was macht Armut?

Es steht in der Tageszeitung (taz) von heute:

 Armut macht dumm

Bis zum 6. Dezember 2001 dachte man, das mit der Bildung hier sei schon in Ordnung. Dann riss die Pisa-Studie das Land aus allen Träumen. Sie zeigte: Der Sohn einer Friseurin hat eine siebenmal geringere Chance, das Gymnasium zu besuchen, als der Sohn eines Arztes. Dieser Nachteil gilt bei gleicher Leistungsfähigkeit der Schüler.

Hektisch wurden Nachforschungen angestellt, wie ein Bildungssystem nur so ungerecht sein könne. Die Ergebnisse wurden immer schlimmer: Ein Viertel der 15-Jährigen kann nur radebrechend lesen. Die meisten von ihnen stammen aus Elternhäusern der, wie es hieß, „unteren Dienstklasse“; diese Eltern sind arbeitslos, arm und schlecht gebildet. Ihre Kinder konzentrieren sich in Haupt- und Sonderschulen. Ihre Lebensperspektive wird bestimmt durch den sozialen Status und den Bildungsstand der Eltern.

Dass Kinder ungleiche Startchancen haben, ist üblich. Überall auf der Welt. Das Besondere hierzulande ist: Schulen gleichen das nicht aus, sondern verstärken die Nachteile systematisch. Das deutsche Bildungswesen, so herrscht heute in der Fachwelt Einigkeit, ist das ungerechteste in den OECD-Ländern [Verlinkung Monstro]. Weil der Staat durch sein Schulsystem Ungleichheit erzeugt. CIF

 Armut macht arm

Deutschland hat es zu einem negativen Rekord in der
OECD gebracht: In keinem anderen westlichen Industrieland driften die Einkommen zwischen den Niedriglöhnern und den Spitzenverdienern so schnell auseinander wie hier. Inzwischen gelten schon 17,3 Prozent als arm, weil sie über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens verfügen. Auch die Mittelschicht steigt ab. Die Realeinkommen lagen im Jahr 2005 um zwei Prozent niedriger als 1991. Das Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts kam also allein den Kapitalbesitzern zugute. Diese Schieflage wurde durch die Steuerreformen der letzten Jahre noch verstärkt, wie die OECD moniert. Von dem gesenkten Spitzensteuersatz hätten vor allem Alleinstehende mit hohen Gehältern profitiert. Zugleich wird in Deutschland überdurchschnittlich belastet, wer unterdurchschnittlich verdient. Der Grund dafür: Anders als die Steuern werden die Sozialbeiträge nicht progressiv erhoben, sondern betragen ab einem monatlichen Bruttoverdienst von 800 Euro rund 42 Prozent. Für die Spitzenverdiener hingegen sind die Sozialbeiträge gedeckelt. Die „Beitragsbemessungsgrenze“ für die Krankenkasse liegt bei 3.562,50 Euro monatlich. UH

 

 Armut macht krank

Arme Menschen sterben in Deutschland deutlich früher als wohlhabende. Männer mit niedrigem Einkommen haben eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung als gut verdienende Männer. Bei Frauen liegt dieser Unterschied bei fünf Jahren. Das geht aus Daten des Bundesgesundheitsministeriums hervor.

Auch einige schwere Krankheiten kommen in armen Schichten weit häufiger vor als in den wohlhabenden. So treten Herzinfarkte und Diabetes bei Menschen mit niedrigem Einkommen doppelt so häufig auf wie bei denen, die gut verdienen. Jugendliche, die aus armen Familien stammen, haben ein doppelt so hohes Risiko, an Essstörungen zu erkranken, wie ihre Altersgenossen aus wohlhabenden Verhältnissen.

Dass die Armen häufiger erkranken und früher sterben, ist auch auf ihr Verhalten zurückzuführen. Menschen aus sozial schwächeren Schichten rauchen häufiger und trinken mehr Alkohol, sie nehmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil und ernähren sich ungesünder, ihr Bewusstsein für gesundheitliche Belange ist geringer. Experten weisen darauf hin, dass Arme medizinische Leistungen wegen Praxisgebühren, Zuzahlungen oder aus Unkenntnis weniger in Anspruch nehmen. SAM

 

Was macht Armut?