Was braucht es, um glücklich zu sein? (Nachtrag)

Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […] Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […]

Der Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]

Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.

Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […] Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein. Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

Bertrand Russell, Lob des Müßiggangs. Zitiert nach: Wolfgang Schneider, Die Enzyklopädie der Faulheit. Frankfurt/Main, 2004. S. 93-95.

Hier gefunden: SteinbergRecherche

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Was braucht es, um glücklich zu sein? (Nachtrag)

Was braucht es, um glücklich zu sein? (2)

Der Artikel (05.07.07, S. 21 ff) ist nicht besonders gut, vieles wird lediglich angerissen, ein buntes Sammelsurium an Allgemeinplätzen, oberflächlich-geschichtlichem Hintergrund und unhinterfragten Umfrageergebnissen zusammen mit falsch interpretierten Schlußfolgerungen geben insgesamt doch eine interessante Darstellung, an der sich der Geist schärfen läßt:

1. Glück und Zufriedenheit werden nicht differenziert, sondern synonym gebraucht. Glück, das ist das Gefühl, daß wir in einer gelingenden Liebesbeziehung empfinden, oder wenn das Resultat einer Aufgabe, die Kreativität erfordert, besonders gut ausgefallen ist. Zufriedenheit ist eher ein „lauwarmer“ Allgemeinzustand, den man in Umfragen besser abfragen kann. Eben solche Umfragen bilden die Basis des Artikels, werden aber leider nicht kritisch hinterfragt: Stellen Sie sich vor, Sie werden morgens um sechs, gerade mühsam aus dem Bett gefallen und noch vor dem Frühstück gefragt, wie Sie sich so allgemein fühlen – ist Ihre Antwort die selbe, wie sie Samstagabend ausfallen würde, bevor Sie mit einem geliebten Menschen lecker Essen gehen? Umfragen beweisen gar nichts, nach den Umfrageergebnissen vor den letzten Bundestagswahlen müßte Angela Merkel keine große Koalition leiten, sondern könnte allein regieren.
Was ist davon zu halten, daß die Lebenszufriedenheit der Mexikaner angeblich höher ist als die der Bewohner der USA, BRD, Niederlande und Großbritannien, aber nicht so groß wie die der Österreicher, Dänen und Ausralier? Ich fürchte: Gar nichts. (Vielleicht hat man nur die illegalen mexikanischen Einwanderer gefragt, die in den Vereinigten Staaten ausgebeutet werden?)
Kulturelle Unterschiede werden nicht nur behauptet, sondern sogar benannt, Zitat: „Japaner sind notorisch unzufrieden, Mittelamerikaner eher fröhlich.“ Alles klar? Alle Deutschen essen ständig Sauerkraut, und die Franzosen ernähren sich von Baguette und Froschschenkel …  

2. Es wird behauptet, das Einkommen eines durchschnittlichen bundesdeutschen Haushaltes sei zwischen 1984 und 2004 um (ungerechnet) ca. 4600 Euro gestiegen, während der deutsche Zufriedenheitspegel in der selben Zeit sogar gefallen sei. Diese Behauptung erzeugt falsche Schlußfolgerungen: Wenn ich mich recht an einen Artikel in einer „Zeit“-Ausgabe des letzten Jahres erinnere, sind die Reallöhne, die sich aus dem Vergleich von Lohnzuwachs und Inflationsrate ergeben, im angegebenen Zeitraum sogar gefallen. Die Bevölkerung hätte also allen Grund, unzufriedener zu sein, wäre da nicht, neben der grundsätzlichen Fragwürdigkeit von Umfragen und zurechtgebogenen Statistiken, der folgende PunKt:

3. Wirklich wichtig für die Menschen ist nicht Geld (einen Grundwohlstand vorausgesetzt), sondern, so der Artikel, Arbeit und die damit verbundenen Aufgaben und Kontakte. So sei es ihnen in der Regel lieber, für wenig Geld zu arbeiten, als Stütze in gleicher Höhe zu kassieren (- so viel zur immer wieder aufflammenden Drückebergerdiskussion). Zur Infragestellung einer kapitalistisch geprägten Arbeitsideologie fehlte den Autoren allerdings  – ja, was? Der Mut? Die Überzeugung? Wohl doch eher der Gedanke. Man muß sich doch fragen (besonders angesichts einer zukünftig unausweichlich wieder ansteigenden Arbeitslosigkeit), ob es wirklich die Arbeit ist, was die Leute wollen! Den ganzen Tag am Band stehen? Im Büro sitzen und Akten bearbeiten? Wollen sie nicht vielmehr eine sinnvolle Aufgabe, verbunden mit sozialen Kontakten, und soziale Anerkennung? Im Morgenmagazin (ARD) wurde kürzlich erwähnt, daß es in Deutschland ca. 25 Millionen ehrenamtlich Tätige gibt, das ist, Kinder und Greise abgezogen, jeder dritte Bundesbürger. Reine Lohnarbeit, die unbeabsichtigt und nebenbei die Bedürnisse nach Sinn und Gemeinschaft erfüllt, ist ein Auslaufmodell und eigentlich auch nicht notwendig – wenn eine Umverteilung der auch ohne Arbeitskraft erzielten Gewinne erfolgen würde. Sinnvolle Aufgaben, nennt man sie nun „Arbeit“ oder nicht, gibt es genug, sie werden bloß nicht bezahlt – und das bräuchte man auch nicht, wenn die Grundsicherung eines Jeden gewährleistet wäre. Die „Hartz IV“-Gesetze zielen genau in die andere Richtung: Demütigung, Abwertung und Demotivierung der Betroffenen sind ihre Folgen.

4. Dieser Aspekt wird in dem „Zeit“-Artikel leider überhaupt nicht behandelt: Glück ist, ganz ähnlich wie Lust oder auch Wut, amoralisch. Das klingt negativ, ist es aber gar nicht, es sagt nur aus, daß diese Gefühle während ihres Entstehens nicht danach fragen, ob sie gerade angebracht sind oder nicht, und das müssen sie auch nicht. Mit der Zufriedenheit sieht es da schon anders aus: Ist es wirklich erstrebenswert, eine Gesellschaft voller überwiegend hochzufriedener Bürger zu erreichen, in der es auch nur eine Ungerechtigkeit gibt? Das wäre eine satte, selbstbezogene Zufriedenheit, die lieber die Augen und Fensterläden schließt, sobald draußen etwas passiert, als sich beeinträchtigen zu lassen, und die dann später behaupten läßt, man hätte von nichts gewußt. Gerechtigkeit, eine gerechte Gesellschaft, ist, wie Epikur sagt, zufriedenheitsfördernd. Solange es überwiegend keine Gerechtigkeit gibt, besteht eigentlich keine Grund, irgendjemandem ein zufriedenes Leben zu wünschen. Und wer nicht zu den Leuten gehört, von denen Gottfried Benn spricht, ist auch nicht restlos zufrieden. Die Gründe dafür individuellem Versagen anzudichten (als Neidvorwurf) ist Teil der Ideologie einer politisch und ökonomisch motivierten, weitreichenden Verdummungsindustrie, gegen die auch eine eigentlich ganz intelligente Wochenzeitung nicht gefeit ist.

Teil 1
Nachtrag (Teil 3)

Was braucht es, um glücklich zu sein? (2)

Was braucht es, um glücklich zu sein? (1)

… fragte vor ein paar Wochen die „Zeit“ (05.07.07).

„Dumm sein und Arbeit haben: Das ist das Glück.“ Gottfried Benn

„Beati pauperes spiritu.“ (Glückselig sind die Armen im Geiste). Bibel, Matthäus 5,3

„Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ (Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit). Das sind die unveräußerlichen Rechte des Menschen, geschrieben in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776.

Und manchmal sieht es ja wirklich so aus, daß der amerikanische Lebensstil das Streben nach Arbeit und Wohlstand in geistiger Verarmung für Glückseligkeit hält, jedenfalls für die Durchschnittsbürger …

Das Verlangen nach Glück gibt es natürlich schon, seitdem es Menschen gibt. Der griechische Philosoph Epikur (ca. 341 – 270 v.Chr.) fand, daß man sich bereits glücklich schätzen kann, wenn man weder hungern noch dürsten noch frieren muß. Epikurs Menschenbild ist recht einfach: Das Gute ergibt sich automatisch aus der Abwesenheit des Üblen, als da sind Schmerzen und Qualen, die von „Begierden“ ausgelöst werden, mit anderen Worten:
Es gibt natürliche Begierden (z.B. Hunger und Durst), die befriedigt werden müssen, dann gibt es natürliche Begierden, die keine Schmerzen verursachen, wenn sie nicht befriedigt werden (z.B. der Sex), und schließlich gibt es die Begierden, die weder naturgegeben noch notgedrungen, sondern „leerem Wahn entsprungen“ sind (z.B. Ehrgeiz, Ruhmsucht, Reichtum, oder auch der Wunsch nach z.B. einer elektrischen Pfeffermühle und anderen Überflußartikeln). Nun fehlt nur noch eins: Freunde, oder die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen („Die Natur hat uns zur Gemeinschaft geschaffen“, Epikur), schon haben wir keinen Grund mehr, uns zu beklagen. In einer gerechten Gesellschaft, die auf Absprachen beruht (z.B. sich nicht gegenseitig zu verletzten, betrügen etc.), steht dem individuellen Glück, so Epikur, nun nichts mehr im Wege.

So weit, so gut, aber ist das wirklich Glück oder nicht vielmehr Zufriedenheit? Eine gelassene, vernünftige Zufriedenheit ist vermutlich viel höher zu achten als jeder Glücksmoment – und da ist es auch schon gesagt: Glück findet immer nur in Momenten statt, der Zustand des permanenten Glücks ist nicht vorstellbar – Glück definiert sich gerade durch seine überwiegende Abwesenheit. Das Glücksgefühl wird deshalb als so großartig empfunden, weil es mehr oder weniger selten ist. Deshalb ist es verführerisch, uns ein bißchen davon zu kaufen, allerdings fallen die so erhaltenen Bedürfnisbefriedigungen zur Glücksmomentvermehrung alle in die Kategorie des epikureischen „leeren Wahns“: Das Glücksgefühl angesichts des neuen glänzenden Wunschautos oder eines Karrieresprungs ist immer nur so kurz, daß es Lust auf mehr macht, und so wird das ganze leicht zu einem Faß ohne Boden, das vergeblich nach Füllung schreit – eine endlose Anhäufung von rein äußerlichen Dingen und Gegebenheiten, der man sich nur schwer entziehen kann und die anfängt, uns zu beherrschen. Und so heißt es auch bei Epikur: „Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.“

Zur Sinnlosigkeit des Versuchs der Glückshäufung durch sozialen Aufstieg heißt es bei Montaigne (1533 – 1592): „Es ist höchste, fast göttergleiche Vollendung, wenn man das eigene Sein auf rechte Weise zu genießen weiß. Wir suchen andere Lebensformen, weil wir die unsre nicht zu nutzen verstehen; wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch wir mögen auf noch so hohe Stelzen steigen – auch auf ihnen müssen wir noch mit unseren Beinen gehn; und selbst auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserm Arsch.“

Lange Zeit galt der Begriff „Epikureer“ als Schimpfwort, da sich eine konkurrierende Glaubensrichtung in Gefahr sah: Die christliche Lehre betrachtet das Leben an sich als sündhaft, es reicht schon, einfach auf der Welt zu sein, um sich nicht wohl fühlen zu dürfen, und das Ganze ist nur eine Prüfung für das wahre Leben – nach dem Tod. Im Gegensatz dazu heißt es bei Epikur: „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.“
Das ist mit anderen Worten die „Tante-Fienchen-Hypothese“: Tante Fienchen, eine Verwandte einer guten Freundin, sagte auf neugierige Kinderfragen zum Tod: „Davor müßt ihr keine Angst haben, das ist wie Schlafen, davon merkt ihr nix.“

Daß reelle oder ideelle Güterhäufung ab einer gewissen Grenze nicht zur Zunahme von Glücksgefühl führt, ist, 2000 Jahre später, aber immerhin, nun auch eine Erkenntnis des „Zeit“-Artikels, der im Wirtschaftsteil der Wochenzeitung erschien.

Fortsetzung

Was braucht es, um glücklich zu sein? (1)