Ist die romantische Liebe noch zu retten? (15)

Vergiß mein nicht!
Originaltitel: Eternal Sunshine of the Spotless Mind , USA 2004
Regie: Michel Gondry, Drehbuch: Charlie Kaufman, Pierre Bismuth, Michel Gondry
Darsteller: Jim Carrey, Kate Winslet, Kirsten Dunst, Tom Wilkinson, Elijah Wood, Mark Ruffalo, David Cross, Lauren Adler, Josh Flitter, Ellen Pompeo

Der deutsche Titel des Films ist, gelinde gesagt, sehr unglücklich gewählt, der englische Originaltitel lautet: „Eternal sunshine of the spotless mind“. Die Zeile stammt aus einem Gedicht von Alexander Pope (1688 – 1744):

How happy is the blameless
Vestal’s lot! The world forgetting,
by the world forgot:
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each prayer accepted, and each wish resign’d.

Die bewußte Zeile wird im Internet gern so übersetzt:
„Der unendliche Sonnenschein des unbefleckten Geistes“.

Das Gedicht wird im Film aber auch aufgesagt, und das liest sich so:

Glück war der schuldlosen Vestalinnen hold!
Die Welt vergaß sie, als die Welt sie vergessen wollt:
Im ew’gen Sonnenschein, Erinnerungen ungestört!
Jedes Gebet und jeder Wunsch erhört.

Am Anfang wird ein fiktiver Werbespot gezeigt: Eine Firma garantiert das Auslöschen schlechter Erinnerungen aus dem Gedächtnis. Nächste Szene: Joel, ein nicht mehr ganz junger Mann wacht auf und bereitet sich nun auf den Arbeitstag vor. Auf dem Bahnhof folgt er einer spontanen Eingebung, meldet sich telefonisch krank und fährt zum Spazierengehen nach Montauk an den Strand, obwohl es ziemlich kalt zu sein scheint. Im Café sieht er Clementine, ein ziemlich flippige junge Frau mit blau gefärbten Haaren,  die ihn auf der Rückfahrt anspricht. Er fährt sie vom Bahnhof nach Hause, ein neue Liebe scheint sich anzubahnen, denn am nächsten Abend treffen sie sich und fahren zum zugefrorenen Fluß, um sich die Sterne anzusehen. Als sie zurückkommen, wird es schon hell, Clementine beschließt, bei Joel zu schlafen, will nur noch eben ihre Zahnbürste holen, als ein ihm unbekannter junger Mann an die Autoscheibe des wartenden Joel klopft und ihn fragt, ob er ihm helfen kann. Joel verneint verwirrt – Schnitt.

Der Vorspann fängt an, nach immerhin über 17 Minuten. Man sieht einen weinenden Joel, der eine Musikkassette aus dem fahrenden Auto wirft. Er ist auf dem Weg zu der Firma, die schlechte Erinnerung löschen kann, denn in einem Rückblick erfahren wir, daß Clementine genau das mit den Erinnerungen an ihn gemacht hat. Sie erkennt ihn nicht mehr, und Joel will nun seinerseits seine Erinnerung an Clementine löschen lassen. Die Regionen seines Gehirns, in denen sie gespeichert sind, werden mit Hilfe aller für Joel erreichbaren erinnerungsbesetzten Gegenstände gescannt, die Gegenstände selbst werden vernichtet, die Angehörigen und Freunde bekommen ein Kärtchen von der Firma, sie möchten bitte in Gegenwart von Joel den Namen Clementine nicht mehr erwähnen. Joel muß nun noch alle Gründe seiner Abneigung gegen Clementine auf eine Cassette sprechen, damit die Firma gegen Regreßansprüche abgesichert ist.
Nachdem Joel bei sich zu Hause ein Schlafmittel eingenommen hat, kommen zwei Mitarbeiter der Firma in seine Wohnung, setzten ihm einen mit einem Computer verdrahteten Helm auf und beginnen ihre Arbeit. Nach und nach werden nun die angezielten Erinnerungen gelöscht, die jüngsten zuerst. Irgendwas funktioniert aber nicht richtig – Joel ist sich bewußt, was da passiert, er ist plötzlich in der Szene (und mit ihm der Zuschauer) in seinem Kopf, die gerade gelöscht wird, und als er erkennt, zu was er sich da hat hinreißen lassen, möchte er den Auftrag abbrechen, was natürlich nicht geht, den er kann keinen Finger rühren, so sehr wirkt das Schlafmittel. Panisch wandert er also durch seine schwindenden Erinnerungen, trifft auf Clementine und erzählt ihr von seinem Dilemma. Die gibt ihm den Rat, sich mit ihr zusammen in einem Teil seines Gehirns zu verstecken, der in der Vorbereitung nicht gescannt wurde, da kann ja nichts gelöscht werden, später müßte er sich also an sie erinnern können. Joel besucht verschiedene Bereiche seiner Erinnerungen, auch zum Teil demütigende Kindheitserlebnisse, und versucht sich dort zu verstecken.
Die Mitarbeiter der Firma haben den Computer unterdessen auf Autopilot gestellt und feiern in seiner Wohnung eine kleine Party. Als sie bemerken, daß Joel ihnen entgleitet, holen sie ihren Chef, der alles wieder in den Griff kriegt, Joels Erinnerungen an Clementine scheinen restlos verloren, sie flüstert ihm noch zu: „Wir treffen uns in Montauk“, das war’s. Und hier ist der Anschluß:
Joel, ein nicht mehr ganz junger Mann, wacht auf und bereitet sich nun auf den Arbeitstag vor. Auf dem Bahnhof folgt er einer spontanen Eingebung, meldet sich telefonisch krank und fährt zum Spazierengehen nach Montauk an den Strand …

Clementine hat ihre Zahnbürste gepackt und nimmt auf dem Weg zurück zu Joels Auto die Post mit, darunter ein Brief einer ihr unbekannten Firma zur Erinnerungslöschung, zusätzlich eine Cassette. Der Chefassistentin der Firma war inzwischen aufgegangen, wie unethisch die ganze Angelegenheit ist (ihre eigene Erinnerung an ein Liebesverhältnis mit ihrem verheirateten Chef ist mal gelöscht worden), also hat sie kurzerhand an alle Kunden einen erklärenden Brief plus der besprochenen Cassette geschickt. Ahnungslos schiebt Clementine die Cassette in den Player – und beide hören entsetzt, wie sie über Joel herhetzt, von dem sie doch eigentlich glaubte, ihn gerade erst kennen gelernt zu haben.
Nachdem Joel die entsprechende Cassette in seinem Briefkasten gefunden hat, scheint nun alles aus zu sein, verwirrt, getroffen stehen sie vor dem Trümmerhaufen einer gescheiterten Beziehung, an die sie sich nicht erinnern können. Aber Joel, dessen Lethargie Clementine im „vorigen“ Leben zur Weißglut getrieben hat, gibt sich einen Ruck … man könnte es noch einmal versuchen.

Dies ist formal und inhaltlich einer der besten der Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Die Bilder, die in Joels Kopf entstehen und verschwinden, sind einfach grandios, surreal, poetisch,  z.B. stehen Joel und Clementine einmal in einer Buchhandlung, und zuerst unmerklich, dann aber immer schneller, schwindet die Umgebung, die Bücher verlieren zuerst ihre Schrift, dann ihre Farbe, alles ist plötzlich weiß. Die Geschichte ist genial, wenn auch ein wenig kompliziert, aufgebaut und geschnitten, wer nebenbei lange Telefongespräche führt, sollte gar nicht erst anfangen, ihn anzusehen. Die inhaltlichen Fragen, die er aufwirft, sind komplex: Was bedeutet Erinnerung, auch wenn sie schlecht ist, für den Einzelnen? Was passiert, wenn man sie fortnimmt? Ist nur die Erinnerung weg, oder auch ein Teil der Identität? Als Zeuge einer rückwärts erzählten gescheiterten Liebesbeziehung im Zeitraffer können wir uns fragen: Mußte es so kommen? War der Anspruch, durch den anderen komplettiert zu werden, nicht zu hoch – oder gar falsch? Muß man nicht viel mehr Achtung haben vor der Andersartigkeit des oder der anderen? Ist das, was man am anderen erst liebt und dann haßt, nicht ein Spiegel der ganz eigenen Unzulänglichkeiten?

Übrigens: Alle Schauspieler sind gegen die Erwartungen, die mit ihren Namen verknüpft sind, besetzt – und spielen ihre Rollen ganz hervorragend.

Dies ist ein Film, der unbedingt sehenswert ist, völlig unabhängig davon, daß man den Hauptstrang der Geschichte jetzt schon kennt, ich sehe ihn mir immer wieder an und bin immer wieder von seiner Reichhaltigkeit gepackt und entdecke immer wieder Neues.

Ich war versucht, einen der vielen Clips von youtube hier zu verlinken, habe mich aber umentschieden und rate auch davon ab, sie anzusehen: Sie greifen nur die stärksten Szene
n zusammenhangslos heraus.

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Ist die romantische Liebe noch zu retten? (15)