Schule von Fontainebleau: Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern

Ein Bild, daß fast jeder kennt, denn es taucht als Illustration immer mal wieder auf, weil es so merkwürdig ist: Zwei nackte Frauen sitzen in relativ starrer Haltung in einem Badezuber, die eine scheint der anderen mit spitzen Fingern in die Brustwarze zu kneifen (oder ist es eine Liebkosung?), während beide ungerührt (herausfordernd?) den Bildbetrachter anstarren. Die Verwirrung wird erhöht dadurch, daß selbst einem Kunstbanausen sofort klar ist, daß es sich hier um ein altes Bild handelt, ein „alter Schinken“, würde er vielleicht sagen, auf dem man einfach keine sexuell freizügigen lesbischen Szenen erwartet, die zudem noch so ungelenk und steif dargestellt werden.

Das Bild wurde um 1600 von einem unbekannten Maler der „Schule von Fontainbleau“ gemalt, die Frauen sind Gabrielle d’Estrées (rechts) und eine ihrer Schwestern, vermutlich Julienne, Herzogin von Villars. Der Griff zur Brustwarze war auch zur Entstehungszeit anzüglich, hatte aber noch eine andere Bedeutung, die damals von allen sogleich verstanden wurde: Er ist ein Hinweis auf Gabrielles Schwangerschaft. Gabrielle d’Estrées (1573 – 1599), eine Tochter aus „gutem“ Hause, war schon mit 15 Jahren die Mätresse eines Adligen am Hofe König Heinrichs III. von Frankreich. Am Hof, unter anderem auch in der Königsresidenz Fontainebleau, ging es dekadent zu, der König war bekannt dafür, gern in Damenkleidern durch die Gegend zu laufen, während ausgiebig gepraßt und gefeiert wurde – während das Volk hungerte. Das änderte sich auch nicht, als Heinrich III. starb und Heinrich IV. sein Amt übernahm. 1590 wurde ihm Gabrielle vorgestellt, die daraufhin zu seiner Mätresse wurde.

Die Familie d’Estrées war wegen ihres Lebenswandels sehr unbeliebt beim Volk, man nannte die sieben Geschwister die „Sieben Todsünden“. Eine der Schwestern war z.B. Äbtissin eines Nonnenklosters, und erst, als sie ihr zwölftes Kind gebar, enthob man sie ihres Amtes. Gabrielle, zum Schein mit einem viel älteren Adligen verheiratet, hatte mit Heinrich IV. drei Kinder. Ihre Schönheit war legendär, ihre Aufmachung luxuriös: Ihre Smaragden schienen heller als die Fackeln, so sagte man, und das in einer Zeit, in der das Land von Religionskriegen (Katholiken gegen evangelische Hugenotten) schwer gebeutelt wurde. Heinrich IV., dessen gescheiterte Ehe kinderlos geblieben war, liebte sie so sehr, daß er sie, die erneut schwanger war, schließlich entgegen aller Ratschläge heiraten wollte. Der Ring, den sie auf dem Bild in der Hand hält, ist ihr Verlobungsring – genau derselbe Ring, der Heinrich bei seiner Krönung als Zeichen seiner „Vermählung“ mit Frankreich überreicht worden war. Der Antrag auf Annullierung seiner Ehe durch den Papst war bereits gestellt, das Brautkleid bereits genäht, als Gabrielle im April 1599 nach dem Essen bei einem „befreundeten“ Bankier im Alter von nur 25 Jahren starb, entstellt durch so fürchterliche Krämpfe, daß kein Arzt sich in ihre Nähe traute, denn man vermutete abergläubisch Teufelswerk (die Gerüchteküche vermutete dagegen Vergiftung). Diese Erfahrung veranlaßte Heinrich dazu, noch im selben Jahr Hexenprozesse zu verbieten, was aber einen Richter in Bordeaux nicht daran hinderte, zehn Jahre später 80 „Hexen“ auf einmal verbrennen zu lassen. Knapp anderthalb Jahre später heiratete Heinrich Maria de‘ Medici, die reichste Erbin Europas, ohne ihr vorher begegnet zu sein – ich vermute, es war keine Liebesheirat.

Das Schloß von Fontainebleau wurde seit 1520 in dem ca. 60 km südlich von Paris gelegenen Städtchen gebaut. Zur künstlerischen Gestaltung lud man viele italienischen Maler, Architekten und Bildhauer ein, deren sich entwickelnden manieristischen Stil man „Schule von Fontainebleau“ nannte (Manierismus nennt man die kunstgeschichtliche Epoche zwischen Renaissance und Barrock, ca. 1520 – 1600). Man kann davon ausgehen, daß die Maler der Zeit nackte Frauen nicht nach Modell, sondern nach anderen Bildern oder eigener Vorstellung malten, weshalb die Körper nicht sehr individuell gestaltet sind, sie wirken eher wie gepanzert. Interpretationen des Bildes vermuteten Andeutungen auf das Schicksal Gebrielles in dem Dargestellten: Die Näherin im Hintergrund sei eine Hexe, die das Lebensgewebe auftrennt, das erlöschende Lebenslicht im Kamin, der mit einer grünen Decke bedeckte Tisch, der in Wirklichkeit ihr Sarg sein sollte, der fast nackte männliche Unterkörper auf dem angeschnittenen Kaminbild als Zeichen ihres ausschweifenden Lebens sowie der blinde Spiegel, der ihre hexische Verbindung aufdeckt – ich halte das alles für sehr unwahrscheinlich. Gabrielle plus Schwester im Bade scheint ein beliebtes Sujet im Schloß von Fontainebleau gewesen zu sein:

Der Aufbau des Bildes (Vorhang, Vorder- und Hintergrund) ist von einem Vorbild übernommen (also geklaut): „Dame im Bad“ von François Clouet (ca. 1571) (s.u.). Im Vergleich der beiden Bilder kann man qualitative Unterschiede feststellen, was vielleicht auch der Grund dafür ist, weshalb das spätere unsigniert geblieben ist: Im Gegensatz zum Bild von Clouet stimmt die Perspektive nicht, die Näherin sitzt fast in der Wand und nicht davor, sie und der Tisch scheinen zu schweben, und die Ansicht der Kaminstütze ist völlig falsch. Auch die Hand, die die Brustwarze kneift, ist nicht nur eine manieristische Übertreibung, sondern auch ein Zeichen mangelnden Könnens. Wie die Perspektive mit wahrer Könnerschaft gemalt aussehen muß, sieht man sehr schön auf dem Bild von Clouet, das ja bereits fast 30 Jahre vorher entstanden war.

Die große Popularität des Bildes vom unbekannten Maler verdankt sich also nicht so sehr der Könnerschaft seines Erzeugers, die nur gering gewesen ist, sondern seines heutzutage irritierenden Motivs.

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Schule von Fontainebleau: Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern